© Dr. Hilmar Alquiros The Philippines 2002 ff. 

 

Vettels Traum - oder wie groß ist die deutsche Staatsverschuldung?

 

Wiesbaden (dpa) - Die Banken-Rettung hat die öffentliche Verschuldung in Deutschland auf einen Rekordstand von fast zwei Billionen Euro getrieben. Ende vergangenen Jahres hatten die öffentlichen Haushalte 1998,8 Milliarden Euro Schulden - eine Steigerung von 18 Prozent. Rechnerisch stand Ende 2010 jeder Bundesbürger mit 24.450 Euro in der Kreide, wie das Statistische Bundesamt berichtete. (21. Februar 2011)

 

  „Wie kann man sich diese 2 Billionen Euro Staatsverschuldung eigentlich veranschaulichen?“ fragt mich meine bessere Hälfte.

  „Schwerlich,“ murmele ich, um erst mal ein wenig Zeit zu gewinnen.

  „Du bist doch ein Zahlenmensch.“ Sie kann da unerbittlich sein.

Nun ja, ich mag Primzahlen, verehre die Zahl Pi, zeitlos gültige Zahlen eben - in welcher Galaxie man sich auch gerade aufhält. Aber Schulden?

 

  „Stell‘ Dir mal die berühmte Wäscheleine vor,“ beginne ich auf der Suche nach einem ersten Konzept, „Du hängst 50-Euro-Scheine lückenlos nebeneinander auf …“

  „Du meinst, nach einer Geldwäsche?“ lächelt sie schelmisch.

  „Am besten noch schön glatt gebügelt, dann sind sie genau 14 cm breit, macht rund 7 Scheine pro Meter, genauer gesagt 357 Euro und etwas mehr als 14 Cent.“ Ich merke, mein Interesse ist geweckt.

  „Wie, etwas mehr als 14 Cent?“

  „Nun, eigentlich 357 1/7 Euro, also 357,142857… periodisch. Tausend Euro sind 2,8 Meter, eine Milliarde schon 2800 Kilometer, also eine Wäscheleine etwa von Berlin nach Kairo!“

Ich bemerke ein leichtes Tremolo in meiner Stimme als akustisches Pendant zur Entdeckerfreude.

  „Bis Kairo ... eine Milliarde?! Wie soll ich mir dann 2 Billionen vorstellen?!“

 

Ich sehe allmählich ein: wir benötigen ein anderes Bild, ein zeitliches statt ein räumliches.

 „Nun gut, nehmen wir an, Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel steigt in seinen Wagen, sagen wir am 1. Januar eines x-beliebigen Jahres, genau um null Uhr, und fährt mit konstanten 300 km pro Stunde los, immer schön der Wäscheleine entlang...“

 „Du meinst, wie lange fährt er mit diesem Affenzahn bis zum Ende der Leine?“

 „Genau! - Sagen wir, er träumt einen wundersamen Traum, Vettels Traum...“

 „Haha... im Gegensatz zu Zettels Traum von Arno Schmidt!“

 „... genau, und er darf darin das Geld am Ende als Belohnung behalten. Nach einer Sekunde ist er übrigens schon, Marke 83 1/3 Meter, an 29.761 Euro und 90 Cent vorbeigerauscht!“

 „Wow!“

 „Ja, und nach einer Stunde sind es mehr als 107 Millionen.“ Ungläubiges Staunen.

 „Und sein Tagesverdienst?“

 

 „Da wird er schon von Milliardären als seinesgleichen eingeladen: stolze 2 Milliarden 571 Millionen 428 Tausend 571 Euro und 43 Cent, leicht aufgerundet.“

 „Fährt er auch am Wochenende?“

 „Im Traum gibt es keinen Boxenstopp, nicht mal die kleinste Pause, stur durch, 300 km/h."

 „Auf wie viel rundet sich sein Wochenlohn auf?“

 „Der wird weder auf- noch abgerundet...“ doziere ich mit einem Hauch mathematischer Brillanz.

 „Nun werden exakte 18 Milliarden, auf Heller und Pfennig, auf dem Euro-Tacho angezeigt!“

 „Wie das?!“

 „Mein kleines Geheimnis. Hat was mit Siebtel zu tun, kleine Hausaufgabe für Dich, mein Schatz!“

 

 „Unbegreiflich. Ist die Monatssumme auch so rund?“

 „Keineswegs! Lassen wir einen Monat banktechnisch genau 30 Tage sein. Der gute Sebastian blickt dann vergnügt auf 77 Milliarden 142 Millionen 857 Tausend 142 Euro und 86 Cent..."

 „Aufgerundet, nehme ich an?“

 „Stimmt!! Eigentlich etwa 85,7 Cent.“

 „Wann wird er denn endlich Billionär?!“

 „Das Jahr reicht nicht ganz, Silvester 24 Uhr sind es 939 Milliarden und 195 Millionen.“

 „Und weiter?"

 „Nichts weiter. Exakt 939 Milliarden und 195 Millionen.“

 „Dann wird es also etwas mehr als 2 Jahre dauern!“

 

 „Rrrrrrichtig! Ich rechne dabei natürlich durchschnittliche Jahre von 365,2425 Tagen, wegen der Schaltjahre, musst Du wissen.“

 „Oops! Du denkst wirklich an alles!“

 „Nicht wahr?! Im dritten Jahr, am 17. Februar, frühmorgens um 07.01 Uhr und exakt 36 Sekunden knallen dann endlich die Sektkorken!“

 „Da darf es aber ruhig mal Champagner sein!“

 „Stimmt auch wieder. Immerhin hat Vettel nun 5 Millionen 600 Tausend Kilometer zurückgelegt!“

 „Nicht einmal eine Pinkelpause - eine gewaltige ... Blase!“

 „Und eine irrsinnige Wäscheleine: die wickelt sich ca. 150 mal um den Äquator, entspricht  etwa 15 mal der Entfernung zum Mond...“

 „Nach dem Traum muss er ja ziemlich erschöpft aufwachen.“

 „Sicher - er ist ja schließlich genau 777,777... usw. Tage gefahren!“

 „Merkwürdiger Zufall!“

 

Ich lehne mich genüsslich zurück.

 „Na ja, Zufälle, meine Liebe, spielen bei der gegenwärtigen deutschen Staatsverschuldung wohl die geringste Rolle!“

 

* * * * *

 

© Dr. Hilmar Alquiros The Philippines 2002 ff. 

in: Vettels Traum - oder wie groß ist die deutsche Staatsverschuldung?

MinD - Mensaklub Deutschland  (82) VI 2011 S. 27-28

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