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Nights and Days    Nächte and Tage

 

Zugzwang                                    Zugzwang

 

   
   
   

... in progress! (Berlin)

... in Bearbeitung! (Berlin)

   

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Zugzwang

Zugzwang

 A virgin paper lies in anticipation, next to a steaming cup of tea - in the dining car of the Intercity Berlin-Aachen. A day more than ordinary Saturdays invites to the wanton expression of all, which wants to be reconsidered and felt in the intense impressions of a rebirth week.

 Ein jungfräuliches Blatt Papier liegt erwartungsfroh vor mir, neben einer dampfenden Tasse Tee - im Speisewagen des Intercity Berlin-Aachen. Ein Tag, der mehr noch als gewöhnliche Samstage zum mutwilligen Ausdruck all dessen einlädt, was an intensiven Eindrücken einer Wiedergeburtswoche überdacht und nachgefühlt werden will.

 

 In the direction of travel, I look out the window: towards a future, who pretends to hurry against me, in the swelling rhythm of my experience, like a galley driver, which reminds one of the dwindling finitude. To get a chance in time, one has to jump on the train of time, to get old step by step, until you are in your last throes... Curiousy, I watch my right hand, how she carelessly writes down a first stanza:

 In Fahrtrichtung blicke ich aus dem Fenster: auf eine Zukunft hin, die mir entgegenzueilen vorgaukelt, im anschwellenden Geleisentakt meines Erlebens, gleich einem Galeerenantreiber, der an die schwindende Endlichkeit mahnt. Um rechtzeitig zum Zuge zu kommen, heißt es, auf den Zug der Zeit zu springen, Zug um Zug alt zu werden, bis man in den letzten Zügen liegen wird ... Neugierig beobachte ich meine rechte Hand, wie sie unbekümmert eine erste Strophe niederschreibt:

 

Zugzwang

 

1

The futures open their folding door:

Invite for thousandfold a life,

Their sense so quiet, but hopes to roar -

In well-planned goals and blindfold drive...

 

Zugzwang

 

1

Die Zukünfte öffnen die Flügeltüren:

sie laden zu tausendfachem Gang,

lauthälsiger Hoffnung und stillem Spüren -

in planvollem Zielen und blindem Drang ...

 

 Once again I prefer the journey by train, with that subliminal steam romantic in my luggage, with the wanderlust magic of train stations, linking arrival and farewell, back and forth, combining inventory and change, showing thrownness in the unsolicited stream of events, tempered by the consent to the wheelwork of time. A lukewarm sip of tea! ... and my pen takes a second start:

 Wieder einmal mehr ziehe ich die Reise mit der Bahn vor, mit unterschwelliger Dampflokromantik im Gepäck, mit der Fernweh-Magie der Bahnhöfe, die Ankunft und Abschied, Hin und Her verknüpfen, Bestand und Wandel vereinen, Geworfenheit aufzeigen im unbestellten Strom der Ereignisse, gemildert um die Einwilligung in das Räderwerk der Zeit. Einen lauwarmen Schluck Tee! ... und die Feder nimmt einen zweiten Anlauf:

 

2

Must longings fork infinitely

And branching out their endless maze -

Needs earthly, fables heavenly

To battle for their valid ways..

 

2

Unendlich müssen sich Sehnsüchte gabeln

verzweigend in endlosem Labyrinth -

wenn irdische Nöte und himmlische Fabeln

erstreiten, wo sinnvolle Wege sind ...

 

 It's been eight years - eight long, strange years, that I had entered the metropolis, which should have become my second home. Since I had inhaled that morbid luck in Zoo Station, since I walked past the Turkish shops in Kreuzberg 36,
had enjoyed the artistic atmosphere behind the gray facades. At that time: after the successful separation, before the big decision. Eight years that were called Maria ...

 Acht Jahre ist es her - acht lange, seltsame Jahre, dass ich die Metropole betreten hatte, die doch meine zweite Heimat hätte werden sollen. Seit ich jenes morbide Glück im Bahnhof Zoo eingeatmet hatte, seit ich an den türkischen Läden in Kreuzberg 36 vorbeigeschlendert war, die künstlerische Stimmung hinter den grauen Fassaden genossen hatte. Damals: nach der geglückten Trennung, vor der großen Entscheidung. Acht Jahre, die Maria hießen ...

 

 Why could I not even wonder about the missing wall, a few hundred meters from Edna's house, why did I not notice that they all had become eight years older? Only Edna herself, the Earth Mother, of course not; my spiritual great ... no, my great spiritual sister, for a quarter century the anchor in the unpredictable ocean of my feelings. Timeless wise, with big children's eyes, she always offered unquestioning closeness - in vision and word.

 Warum habe ich mich nicht einmal wundern können über die verschwundene Mauer, ein paar hundert Meter von Ednas Haus entfernt, warum habe ich nicht bemerken können, dass sie alle acht Jahre älter geworden waren? Nur Edna selbst, die Erdmutter, natürlich nicht; meine geistige große ... nein, meine große geistige Schwester, seit einem Vierteljahrhundert Anker im unberechenbaren Ozean meiner Gefühle. Zeitlos weise, mit großen Kinderaugen, bot sie stets fraglose Nähe an - in Blick und Wort.

 

 Even before my early marriage back then we had got to know each other, since we had recognized each other in the same boundless effort, being able to listen to each other effortlessly while we both spoke at the same time.

 Sogar noch vor meiner frühen Ehe damals hatten wir uns kennen- und schätzen gelernt, da wir einander im gleichen uferlosen Bemühen erkannt hatten und uns gegenseitig mühelos zuhören konnten, während wir beide zugleich sprachen.

 

3

Mysteriously the traces to brighten

Of the never boarded trains, in fact,

As inner switchmen they will enlighten

Twixt wish and vapour a balancing act...

 

3

Als mysteriöse Spurenerheller

der niemals zuvor betretenen Bahn

beleuchten die inneren Weichensteller

die Gratwanderung zwischen Wunsch und Wahn ...

 

 Stuffed with the charm of contradiction, in search of the lost ego, in perpetual compulsion, to flee from the paralysis of self-abandonment. Was it coincidence that I already on the outward journey, against all reading intent, met that petite, eloquent lady, and that I even told her about my project on happiness ? After pointing out Heinrich von Morungen's medieval idea of happiness, the "swebende wunne", in the end, she had to confess to being a literary scholar. Too much the sparkling conversation had awakened our spirits, as if we wanted to avoid the exchange of future accessibility altogether.

 Vollgestopft mit dem Charme des Widerspruchs, auf der Suche nach dem verlorenen Ich, im immerwährenden Zugzwang, vor der Erstarrung der Selbstaufgabe fliehen zu müssen. War es Fügung, dass ich auf der Hinfahrt schon, gegen alle Leseabsicht, jene zierliche, sprachgewandte Dame kennenlernte, und ich ihr sogar von meinem Glücksprojekt erzählte? Nachdem sie mich auf Heinrich von Morungens mittelalterliche Glücksvorstellung, die „swebende wunne“, hingewiesen hatte, musste sie sich zu guter Letzt doch zur Literaturwissenschaftlerin bekennen. Zu sehr hatte das perlende Gespräch unsere Geister geweckt, als dass wir den Austausch künftiger Erreichbarkeit hätten gänzlich vermeiden wollen.

 

 Literature and life practice, happiness in the process of knowledge and in love: an imaginary final destination in the chimera beckons after inglorious intermediate stations ...

 Literatur und Lebenspraxis, Glück im Erkenntnisprozeß und in der Liebe: eine imaginäre Endstation in der Chimäre Glück lockt nach ruhmlosen Zwischenstationen ...

 

4

Half outside, half inside: how nice it would be,

If the path of knowledge had signposts, assume!

As logical calculus, voice deep in me

In the human distorting mirror’s room...

 

4

Wie schön es doch wär', wenn halb außen, halb innen

der Pfad der Erkenntnis einen Wegweiser hätt'!

als Logikkalkül oder Stimme tief-drinnen

im menschlichen Zerrspiegel-Kabinett ...

 

Charlotte had taken us through East Berlin, without seeming a bit strange, with the familiar silvery sand in the hourglass, unreachable and close ... Still with Thomas?

 Charlotte hatte uns durch Ostberlin geführt, ohne auch nur ein bisschen fremd zu wirken, mit dem vertrauten silbrigen Sand im Stundenglas, unerreichbar und nah ... Noch immer mit Thomas?

 

 Well, ... the shore of the solution is already glimmering behind the dune. Hanne is doing really well, Edna said with peculiar emphasis. Hanne, who at that time had so much difficulty between toil and esotericism, but full of humor, just before and after our night.

 Na ja, ... das Gestade der Lösung glimmert bereits hinter der Düne hervor. Hanne geht es nun wirklich gut, sagte Edna mit eigenartigem Nachdruck. Hanne, die es damals so schwer hatte zwischen Mühsal und Esoterik, doch voller Humor, kurz vor und nach unserer Nacht.

 

 Humanity is not to be hidden; not a gram seemed she disappointed, despite all the announcements in Edna's proven drudgery. Next time, I'll visit her without mediating speech flow, to feel closer to her spark of the soul. My wall has fallen, too - my two halves must grow together, as well: patient, organic. The irrepressible freedom wants to be restrained in the zugzwang of life, attracted, seduced and shaped by the target force of the final destination.

 Menschlichkeit ist nicht zu verbergen; kein Gramm schien sie enttäuscht, trotz aller Ankündigungen in Ednas bewährter Saumseligkeit. Nächstes Mal werde ich sie einmal ohne vermittelnden Redestrom besuchen, um auch ihr Seelenfünklein näher zu spüren. Auch meine Mauer ist gefallen, auch meine beiden Hälften müssen zusammenwachsen - geduldig, organisch. Die unbändige Freiheit will gezügelt werden im Zugzwang des Lebens, von der Zielkraft der Endstation angelockt, verführt und geformt.

 

 The arrow of time knows only one direction: the unknown, which can be guessed, the feeling of insecurity that becomes a homestead, in millions of chambers of ignorance that lead to the only, great certainty ...

 Der Pfeil der Zeit kennt nur eine Richtung: Das Unbekannte, das sich erahnen lässt, die Ungeborgenheit, die zur Heimstätte wird, in Millionen Kammern der Unwissenheit, die zur einzigen, großen Gewissheit führen ...

 

5

You don’t know a dram where they led us before,

Will suffer from ignorance everyone

The futures open their folding door -

And lightning-fast close when the next step is done…

 

5

Man weiß nicht ein Quäntchen, wohin sie uns führen,

und niemand, der nicht an der Unkenntnis litt!

Die Zukünfte öffnen die Flügeltüren -

und schließen sie blitzschnell nach jedem Schritt ...

 

 The poem is over, my way, my Dao ... has just started again. (March 27, 1993).

 Das Gedicht ist zu Ende, mein Weg, mein Dao … hat wieder mal gerade begonnen. (27. März 1993).

 

P.S.

 Only a few days ago I was back in Berlin, again with Earth Mother Gaia, this time with Lilian - from on the other side of the globe, with my great love, which incidentally is also my wife (Minamahal kita! - Din kita!), in the night train back and forth, with new eyes, new looks, tens of thousands of moments long ....

P.S.

 Vor noch wenigen Tagen war ich wieder in Berlin, wieder bei Erdmutter Gaia, diesmal mit Lilian – von der anderen Seite der Erdkugel, meiner großen Liebe, die ganz nebenbei auch noch meine Ehefrau ist (Minamahal kita! – Din kita!), im Nachtzug hin und zurück, mit neuen Augen, neuen Blicken, Zehntausende von Augenblicken lang.

 

 In the Jewish Museum - first homely, then scary, on the Reichstag glass dome, in the streets, on the boat, in the souls, in the memories of the possible future, Berlin in my heart and my new, almost finished Laozi book in my luggage:

cí 慈 compassion,

jiǎn 儉 frugality,

hòu 後 modesty ... (ch. 67).

 

 Im Jüdischen Museum – erst heimelig, dann unheimlich, auf der Reichstagsglaskuppel, in den Straßen, auf dem Boot, in den Seelen, in den Erinnerungen an die mögliche Zukunft, Berlin im Herzen und mein neues, fast fertiges Laozi-Buch im Gepäck:

cí 慈 Mitgefühl,

jiǎn 儉 Genügsamkeit,

hòu 後 Bescheidenheit … (Kap. 67).

 

 New walls, new poverty - also a lot of charm, a lot of potential. Charlotte managed to seperate, says Edna, the new little granddaughter without a father in her arms. Zugzwang or a free choice of moves ...

 Neue Mauern, neue Armut – auch viel Reiz, viel Potential. Charlotte hat es geschafft, sich zu trennen, sagt Edna, die neue kleine Enkelin ohne Vater auf dem Arm. Zugzwang oder freie Zugwahl …

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© Hilmar Alquiros, 2006.

 

 

 

Zugzwang

Zugzwang

 Ein jungfräuliches Blatt Papier liegt erwartungsfroh vor mir, neben einer dampfenden Tasse Tee - im Speisewagen des Intercity Berlin-Aachen. Ein Tag, der mehr noch als gewöhnliche Samstage zum mutwilligen Ausdruck all dessen einlädt, was an intensiven Eindrücken einer Wiedergeburtswoche überdacht und nachgefühlt werden will.

 

 A virgin paper lies in anticipation, next to a steaming cup of tea - in the dining car of the Intercity Berlin-Aachen. A day more than ordinary Saturdays invites to the wanton expression of all, which wants to be reconsidered and felt in the intense impressions of a rebirth week.

 In Fahrtrichtung blicke ich aus dem Fenster: auf eine Zukunft hin, die mir entgegenzueilen vorgaukelt, im anschwellenden Geleisentakt meines Erlebens, gleich einem Galeerenantreiber, der an die schwindende Endlichkeit mahnt. Um rechtzeitig zum Zuge zu kommen, heißt es, auf den Zug der Zeit zu springen, Zug um Zug alt zu werden, bis man in den letzten Zügen liegen wird ... Neugierig beobachte ich meine rechte Hand, wie sie unbekümmert eine erste Strophe niederschreibt:

 

 In the direction of travel, I look out the window: towards a future, who pretends to hurry against me, in the swelling rhythm of my experience, like a galley driver, which reminds one of the dwindling finitude. To get a chance in time, one has to jump on the train of time, to get old step by step, until you are in your last throes... Curiousy, I watch my right hand, how she carelessly writes down a first stanza:

Zugzwang

 

1

Die Zukünfte öffnen die Flügeltüren:

sie laden zu tausendfachem Gang,

lauthälsiger Hoffnung und stillem Spüren -

in planvollem Zielen und blindem Drang ...

 

Zugzwang

 

1

The futures open their folding door:

Invite for thousandfold a life,

Their sense so quiet, but hopes to roar -

In well-planned goals and blindfold drive...

 

 Wieder einmal mehr ziehe ich die Reise mit der Bahn vor, mit unterschwelliger Dampflokromantik im Gepäck, mit der Fernweh-Magie der Bahnhöfe, die Ankunft und Abschied, Hin und Her verknüpfen, Bestand und Wandel vereinen, Geworfenheit aufzeigen im unbestellten Strom der Ereignisse, gemildert um die Einwilligung in das Räderwerk der Zeit. Einen lauwarmen Schluck Tee! ... und die Feder nimmt einen zweiten Anlauf:

 

 Once again I prefer the journey by train, with that subliminal steam romantic in my luggage, with the wanderlust magic of train stations, linking arrival and farewell, back and forth, combining inventory and change, showing thrownness in the unsolicited stream of events, tempered by the consent to the wheelwork of time. A lukewarm sip of tea! ... and my pen takes a second start:

2

Unendlich müssen sich Sehnsüchte gabeln

verzweigend in endlosem Labyrinth -

wenn irdische Nöte und himmlische Fabeln

erstreiten, wo sinnvolle Wege sind ...

 

2

Must longings fork infinitely

And branching out their endless maze -

Needs earthly, fables heavenly

To battle for their valid ways..

 

 Acht Jahre ist es her - acht lange, seltsame Jahre, dass ich die Metropole betreten hatte, die doch meine zweite Heimat hätte werden sollen. Seit ich jenes morbide Glück im Bahnhof Zoo eingeatmet hatte, seit ich an den türkischen Läden in Kreuzberg 36 vorbeigeschlendert war, die künstlerische Stimmung hinter den grauen Fassaden genossen hatte. Damals: nach der geglückten Trennung, vor der großen Entscheidung. Acht Jahre, die Maria hießen ...

 

 It's been eight years - eight long, strange years, that I had entered the metropolis, which should have become my second home. Since I had inhaled that morbid luck in Zoo Station, since I walked past the Turkish shops in Kreuzberg 36,
had enjoyed the artistic atmosphere behind the gray facades. At that time: after the successful separation, before the big decision. Eight years that were called Maria ...

 Warum habe ich mich nicht einmal wundern können über die verschwundene Mauer, ein paar hundert Meter von Ednas Haus entfernt, warum habe ich nicht bemerken können, dass sie alle acht Jahre älter geworden waren? Nur Edna selbst, die Erdmutter, natürlich nicht; meine geistige große ... nein, meine große geistige Schwester, seit einem Vierteljahrhundert Anker im unberechenbaren Ozean meiner Gefühle. Zeitlos weise, mit großen Kinderaugen, bot sie stets fraglose Nähe an - in Blick und Wort.

 

 Why could I not even wonder about the missing wall, a few hundred meters from Edna's house, why did I not notice that they all had become eight years older? Only Edna herself, the Earth Mother, of course not; my spiritual great ... no, my great spiritual sister, for a quarter century the anchor in the unpredictable ocean of my feelings. Timeless wise, with big children's eyes, she always offered unquestioning closeness - in vision and word.

 Sogar noch vor meiner frühen Ehe damals hatten wir uns kennen- und schätzen gelernt, da wir einander im gleichen uferlosen Bemühen erkannt hatten und uns gegenseitig mühelos zuhören konnten, während wir beide zugleich sprachen.

 

 Even before my early marriage back then we had got to know each other, since we had recognized each other in the same boundless effort, being able to listen to each other effortlessly while we both spoke at the same time.

3

Als mysteriöse Spurenerheller

der niemals zuvor betretenen Bahn

beleuchten die inneren Weichensteller

die Gratwanderung zwischen Wunsch und Wahn ...

 

3

Mysteriously the traces to brighten

Of the never boarded trains, in fact,

As inner switchmen they will enlighten

Twixt wish and vapour a balancing act...

 

 Vollgestopft mit dem Charme des Widerspruchs, auf der Suche nach dem verlorenen Ich, im immerwährenden Zugzwang, vor der Erstarrung der Selbstaufgabe fliehen zu müssen. War es Fügung, dass ich auf der Hinfahrt schon, gegen alle Leseabsicht, jene zierliche, sprachgewandte Dame kennenlernte, und ich ihr sogar von meinem Glücksprojekt erzählte? Nachdem sie mich auf Heinrich von Morungens mittelalterliche Glücksvorstellung, die „swebende wunne“, hingewiesen hatte, musste sie sich zu guter Letzt doch zur Literaturwissenschaftlerin bekennen. Zu sehr hatte das perlende Gespräch unsere Geister geweckt, als dass wir den Austausch künftiger Erreichbarkeit hätten gänzlich vermeiden wollen.

 

 Stuffed with the charm of contradiction, in search of the lost ego, in perpetual compulsion, to flee from the paralysis of self-abandonment. Was it coincidence that I already on the outward journey, against all reading intent, met that petite, eloquent lady, and that I even told her about my project on happiness ? After pointing out Heinrich von Morungen's medieval idea of happiness, the "swebende wunne", in the end, she had to confess to being a literary scholar. Too much the sparkling conversation had awakened our spirits, as if we wanted to avoid the exchange of future accessibility altogether.

 Literatur und Lebenspraxis, Glück im Erkenntnisprozeß und in der Liebe: eine imaginäre Endstation in der Chimäre Glück lockt nach ruhmlosen Zwischenstationen ...

 

 Literature and life practice, happiness in the process of knowledge and in love: an imaginary final destination in the chimera beckons after inglorious intermediate stations ...

4

Wie schön es doch wär', wenn halb außen, halb innen

der Pfad der Erkenntnis einen Wegweiser hätt'!

als Logikkalkül oder Stimme tief-drinnen

im menschlichen Zerrspiegel-Kabinett ...

 

4

Half outside, half inside: how nice it would be,

If the path of knowledge had signposts, assume!

As logical calculus, voice deep in me

In the human distorting mirror’s room...

 

 Charlotte hatte uns durch Ostberlin geführt, ohne auch nur ein bisschen fremd zu wirken, mit dem vertrauten silbrigen Sand im Stundenglas, unerreichbar und nah ... Noch immer mit Thomas?

 

Charlotte had taken us through East Berlin, without seeming a bit strange, with the familiar silvery sand in the hourglass, unreachable and close ... Still with Thomas?

 Na ja, ... das Gestade der Lösung glimmert bereits hinter der Düne hervor. Hanne geht es nun wirklich gut, sagte Edna mit eigenartigem Nachdruck. Hanne, die es damals so schwer hatte zwischen Mühsal und Esoterik, doch voller Humor, kurz vor und nach unserer Nacht.

 

 Well, ... the shore of the solution is already glimmering behind the dune. Hanne is doing really well, Edna said with peculiar emphasis. Hanne, who at that time had so much difficulty between toil and esotericism, but full of humor, just before and after our night.

 Menschlichkeit ist nicht zu verbergen; kein Gramm schien sie enttäuscht, trotz aller Ankündigungen in Ednas bewährter Saumseligkeit. Nächstes Mal werde ich sie einmal ohne vermittelnden Redestrom besuchen, um auch ihr Seelenfünklein näher zu spüren. Auch meine Mauer ist gefallen, auch meine beiden Hälften müssen zusammenwachsen - geduldig, organisch. Die unbändige Freiheit will gezügelt werden im Zugzwang des Lebens, von der Zielkraft der Endstation angelockt, verführt und geformt.

 

 Humanity is not to be hidden; not a gram seemed she disappointed, despite all the announcements in Edna's proven drudgery. Next time, I'll visit her without mediating speech flow, to feel closer to her spark of the soul. My wall has fallen, too - my two halves must grow together, as well: patient, organic. The irrepressible freedom wants to be restrained in the zugzwang of life, attracted, seduced and shaped by the target force of the final destination.

 Der Pfeil der Zeit kennt nur eine Richtung: Das Unbekannte, das sich erahnen lässt, die Ungeborgenheit, die zur Heimstätte wird, in Millionen Kammern der Unwissenheit, die zur einzigen, großen Gewissheit führen ...

 

 The arrow of time knows only one direction: the unknown, which can be guessed, the feeling of insecurity that becomes a homestead, in millions of chambers of ignorance that lead to the only, great certainty ...

5

Man weiß nicht ein Quäntchen, wohin sie uns führen,

und niemand, der nicht an der Unkenntnis litt!

Die Zukünfte öffnen die Flügeltüren -

und schließen sie blitzschnell nach jedem Schritt ...

 

5

You don’t know a dram where they led us before,

Will suffer from ignorance everyone

The futures open their folding door -

And lightning-fast close when the next step is done…

 

 Das Gedicht ist zu Ende, mein Weg, mein Dao … hat wieder mal gerade begonnen. (27. März 1993).

 

 The poem is over, my way, my Dao ... has just started again. (March 27, 1993).

P.S.

 Vor noch wenigen Tagen war ich wieder in Berlin, wieder bei Erdmutter Gaia, diesmal mit Lilian – von der anderen Seite der Erdkugel, meiner großen Liebe, die ganz nebenbei auch noch meine Ehefrau ist (Minamahal kita! – Din kita!), im Nachtzug hin und zurück, mit neuen Augen, neuen Blicken, Zehntausende von Augenblicken lang.

 

P.S.

 Only a few days ago I was back in Berlin, again with Earth Mother Gaia, this time with Lilian - from on the other side of the globe, with my great love, which incidentally is also my wife (Minamahal kita! - Din kita!), in the night train back and forth, with new eyes, new looks, tens of thousands of moments long ....

 Im Jüdischen Museum – erst heimelig, dann unheimlich, auf der Reichstagsglaskuppel, in den Straßen, auf dem Boot, in den Seelen, in den Erinnerungen an die mögliche Zukunft, Berlin im Herzen und mein neues, fast fertiges Laozi-Buch im Gepäck:

cí 慈 Mitgefühl,

jiǎn 儉 Genügsamkeit,

hòu 後 Bescheidenheit … (Kap. 67).

 

 In the Jewish Museum - first homely, then scary, on the Reichstag glass dome, in the streets, on the boat, in the souls, in the memories of the possible future, Berlin in my heart and my new, almost finished Laozi book in my luggage:

cí 慈 compassion,

jiǎn 儉 frugality,

hòu 後 modesty ... (ch. 67).

 

 Neue Mauern, neue Armut – auch viel Reiz, viel Potential. Charlotte hat es geschafft, sich zu trennen, sagt Edna, die neue kleine Enkelin ohne Vater auf dem Arm. Zugzwang oder freie Zugwahl …

 New walls, new poverty - also a lot of charm, a lot of potential. Charlotte managed to seperate, says Edna, the new little granddaughter without a father in her arms. Zugzwang or a free choice of moves ...