Zugzwang

 

Ein jungfräuliches Blatt Papier liegt erwartungsfroh vor mir, neben einer dampfenden Tasse Tee - im Speisewagen des Intercity Berlin-Aachen. Ein Tag, der mehr noch als gewöhnliche Samstage zum mutwilligen Ausdruck all dessen einlädt, was an intensiven Eindrücken einer Wiedergeburtswoche überdacht und nachgefühlt werden will.

In Fahrtrichtung blicke ich aus dem Fenster: auf eine Zukunft hin, die mir entgegenzueilen vorgaukelt, im anschwellenden Geleisentakt meines Erlebens, gleich einem Galeerenantreiber, der an die schwindende Endlichkeit mahnt. Um rechtzeitig zum Zuge zu kommen, heißt es, auf den Zug der Zeit zu springen, Zug um Zug alt zu werden, bis man in den letzten Zügen liegen wird ... Neugierig beobachte ich meine rechte Hand, wie sie unbekümmert eine erste Strophe niederschreibt:

 

Zugzwang

1

Die Zukünfte öffnen die Flügeltüren:

sie laden zu tausendfachem Gang

lauthälsiger Hoffnung und stillem Spüren -

in planvollem Zielen und blindem Drang ...

 

Wieder einmal mehr ziehe ich die Reise mit der Bahn vor, mit unterschwelliger Dampflokromantik im Gepäck, mit der Fernweh-Magie der Bahnhöfe, die Ankunft und Abschied, Hin und Her verknüpfen, Bestand und Wandel vereinen, Geworfenheit aufzeigen im unbestellten Strom der Ereignisse, gemildert um die Einwilligung in das Räderwerk der Zeit. Einen lauwarmen Schluck Tee! ... und die Feder nimmt einen zweiten Anlauf:

 

2

Unendlich müssen sich Sehnsüchte gabeln

verzweigend in endlosem Labyrinth -

wenn irdische Nöte und himmlische Fabeln

erstreiten, wo sinnvolle Wege sind ...

 

Acht Jahre ist es her - acht lange, seltsame Jahre, dass ich die Stadt betreten hatte, die doch meine zweite Heimat hätte werden sollen. Seit ich das morbide Glück im Bahnhof Zoo eingeatmet hatte, seit ich an den türkischen Läden in Kreuzberg vorbeigeschlendert war, die künstlerische Stimmung hinter den grauen Fassaden genossen hatte. Damals: nach der geglückten Trennung, vor der großen Entscheidung. Acht Jahre, die Maria hießen ...

Warum habe ich mich nicht einmal wundern können über die verschwundene Mauer, ein paar hundert Meter von Ednas Haus entfernt, warum habe ich nicht bemerken können, dass sie alle acht Jahre älter geworden waren? Nur Edna selbst, die Erdmutter, natürlich nicht; meine geistige große ... nein, meine große geistige Schwester, seit einem Vierteljahrhundert Anker im unberechenbaren Ozean meiner Gefühle. Zeitlos weise, mit großen Kinderaugen, bot sie stets fraglose Nähe an - Blick und Wort.

Sogar noch vor meiner frühen Ehe damals hatten wir uns kennen- und schätzen gelernt, da wir uns im gleichen uferlosen Bemühen erkannt hatten und uns mühelos zuhören konnten, während wir beide zugleich sprachen.

 

3

Als mysteriöse Spurenerheller

der niemals zuvor betretenen Bahn

beleuchten die inneren Weichensteller

die Gratwanderung zwischen Wunsch und Wahn ...

 

Vollgestopft mit dem Charme des Widerspruchs, auf der Suche nach dem verlorenen Ich, im immerwährenden Zugzwang, vor der Erstarrung der Selbstaufgabe fliehen zu müssen. War es Fügung, dass ich auf der Hinfahrt schon, gegen alle Leseabsicht, jene zierliche, sprachgewandte Dame kennenlernte, ihr sogar von meinem Glücksprojekt erzählte? Nachdem sie mich auf Heinrich von Morungens mittelalterliche Glücksvorstellung, die „swebende wunne“, hingewiesen hatte, musste sie sich zu guter Letzt doch zur Literaturwissenschaftlerin bekennen. Zu sehr hatte das perlende Gespräch unsere Geister geweckt, als dass wir den Austausch künftiger Erreichbarkeit hätten gänzlich vermeiden wollen.

Literatur und Lebenspraxis, Glück im Erkenntnisprozeß und in der Liebe, imaginäre Endstation in der Chimäre Glück nach ruhmlosen Zwischenstationen ...

 

4

Wie schön es doch wär', wenn halb außen, halb innen

der Pfad der Erkenntnis einen Wegweiser hätt' -

als Logikkalkül oder Stimme tief-drinnen

im menschlichen Zerrspiegel-Kabinett ...

 

Charlotte hatte uns durch Ostberlin geführt, ohne auch nur ein bisschen fremd zu wirken, mit dem vertrauten silbrigen Sand im Stundenglas, unerreichbar und nah ... Noch immer mit Thomas?

Na ja, ... das Gestade der Lösung glimmert bereits hinter der Düne hervor. Hanne geht es nun wirklich gut, sagte Edna mit eigenartigem Nachdruck. Hanne, die es damals so schwer hatte zwischen Mühsal und Esoterik, doch voller Humor, kurz vor und nach unserer Nacht.

Menschlichkeit nicht zu verbergen; kein Gramm schien sie enttäuscht, trotz aller Ankündigungen in Ednas bewährter Saumseligkeit. Nächstes Mal werde ich sie einmal ohne vermittelnden Redestrom besuchen, um auch ihr Seelenfünklein näher zu spüren. Auch meine Mauer ist gefallen, auch meine beiden Hälften müssen zusammenwachsen - geduldig, organisch. Die unbändige Freiheit will gezügelt werden im Zugzwang des Lebens, von der Zielkraft der Endstation angelockt, verführt und geformt.

Der Pfeil der Zeit kennt nur eine Richtung: Das Unbekannte, das sich erahnen lässt, die Ungeborgenheit, die zur Heimstätte wird, in Millionen Kammern der Unwissenheit, die zur einzigen, großen Gewissheit führen ...

 

5

Man weiß nicht ein Quäntchen, wohin sie führen,

und niemand, der nicht an der Unkenntnis litt!

Die Zukünfte öffnen die Flügeltüren -

und schließen sie blitzschnell nach jedem Schritt ...

 

Das Gedicht ist zu Ende, mein Weg, mein Dao … hat wieder mal gerade begonnen.

(27. März 1993)

 

P.S.

Vor noch wenigen Tagen war ich wieder in Berlin, wieder bei Erdmutter Gaia, diesmal mit Lilian – aus Lucena auf der anderen Seite der Erdkugel, meiner großen Liebe, die ganz nebenbei auch noch meine Ehefrau ist (Minamahal kita! – Din kita!), im Nachtzug hin und zurück, mit neuen Augen, neuen Blicken, Zehntausende von Augenblicken lang.

Im Jüdischen Museum erst heimelig, dann unheimlich, auf der Reichstagsglaskuppel, in den Straßen, auf dem Boot, in den Seelen, in den Erinnerungen an die nun mögliche Zukunft, Berlin im Herzen und mein neues, fast fertiges Laotse-Buch im Gepäck:

Nächstenliebe, jiǎn Genügsamkeit, hòu Bescheidenheit …

Neue Mauern, neue Armut auch viel Reiz, viel Potential. Charlotte hat es geschafft, sich zu trennen, sagt Edna, die neue kleine Enkelin ohne Vater auf dem Arm. Zugzwang oder Zugwahl

(2006)

 

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© Dr. Hilmar Alquiros The Philippines 2002 ff.