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Die Dornenhecke

 

      Schon als Moses Goldmund aus seinem allnächtlichen Traum aufgeschreckt war, hatte er tief drinnen gespürt, dass dies kein Tag wie jeder andere sein würde.

      Er musste hin. Wieder einmal musste er zu ihr, wie so oft in den letzten Jahren. Sie leuchtete am Wegesrand mitten auf der einsamen Landstraße, auf dem Weg zum Laden, so dass er jeden Werktag zweimal an ihr vorbeifuhr. Ab und zu aber parkte er auf dem Nachhauseweg rechts auf dem nachgiebigen Erdboden neben dem Asphalt, unmittelbar vor der verwilderten Hecke. Sogar Laika mochte kaum den Wagen verlassen, wenn er sich wieder einmal jenem Dornengestrüpp anvertraute.

      Es hatte Goldmund in manchen Krisen dazu gedient, mit sich ins Gericht zu gehen. Wenn er seine innere Stimme gefragt hatte, waren ihm die seltsam verwirrten, mystisch anmutenden Verästelungen immer sein ureigenes Mandala gewesen. Im Sommer, wenn er sich über dem Steuer des Wagens versunken auf das Chaos der wilden Verzweigungen konzentrierte, filterte die Hitze flimmernd und pulsierend nach und nach alle störende Wirklichkeit aus, bis der Blick hineinführte in den Widerhall einer irrationalen Weisheit. Steigrohre des Unbewussten hatten sie es in der Klinik getauft, nach dem Unfall mit seiner innigen Liebe, aber dieses Dorngesträuch war ihm mehr als das. Besonders jetzt im Winter, da die blätterlose Nacktheit ihrer verschlungenen Vielarmigkeit einen leidenschaftsloseren Blick erlaubte, hinter das Geäst der Zeit, nachdem die Racheworte des alten Testamentes bereits ausgebrannt waren.

 

      Den ganzen Tag hatte er sich nichts anmerken lassen, weder bei den Kunden noch bei den Verkäuferinnen im Laden. Er konnte auch noch die fehlenden Medikamentenlisten durchgeben, ohne ein Jota an Freundlichkeit einsparen zu müssen. Etwas zögernder als sonst wünschte er den Mädchen ein schönes Wochenende, steckte die Kapseln in sein Jackett und stellte die Alarmanlage auf Dauer-Nachtbetrieb um.

      Auf der Landstraße wurde der Sog übermächtig. Das Gesträuch sang sein einschmeichelndes, strafendes Lied. Verführerisch wie einst lockte seine ewig unausgesprochene Bitte. Schließlich stoppte er genau an der Unfallstelle, unmittelbar vor dem nackten Dornengestrüpp. Laika winselte stärker als sonst, war kaum aus der rechten Tür zu drängen und strich dann feige um den Wagen herum.

      Er nahm sich vor, nicht an Rebekka zu denken, nicht an die Qualen vor und nach dem Unfall, der ihm den Zwilling genommen hatte. Nicht einmal an das allnächtliche Opfer wollte er sich nun erinnern, jenes Ritual auf dem allabendlich frisch bezogenen Altar seiner Schuld. Er wollte nur noch das Eine. Unbezwingbar wuchs das Bedürfnis nach der Frage - und nach der Antwort des Dornenbuschs, der er genau wie damals würde gehorchen müssen.

 

      Der Gesang der Hecke schwoll an und übertrumpfte jede Gegenwehr. Er fühlte, dass er bald ein Teil von ihr sein würde, dass er alle Verantwortung abstreifen würde, wenn er nur gehorchte. Er stieg auf der Gegenseite aus, ohne noch einmal den Wagen zu schließen, biss entschieden auf die Kapsel und schleppte sich gebeugten Hauptes in den Dornenweg hinein. Mitten in die Antwort, die nun in vielerlei Farben um ihn kreiste, ihm ihren Schoß bot vor den Fragen, die nun ihren Sinn verlieren würden.

      Laika bellte erschreckt, kroch vorsichtig unter den Dornen heran, zog an seinem Ärmel und jaulte auf. Sie leckte über sein Gesicht, doch Goldmund schien sich durch nichts mehr beirren zu lassen.

 

©  Hilmar Alquiros

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© Dr. Hilmar Alquiros The Philippines 2002 ff.