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Der Universal-Responder

 

        Bevor ich das merkwürdige kleine Ding auspackte, schätzte ich erst einmal sein Gewicht ab. Es mochte etwa drei Kilogramm wiegen, war von würfelförmiger Gestalt und verriet rein gar nichts.

       Nein, wirklich keine Absenderangaben! Ich wickelte es aus Packpapier und einer Art Kunststoffumrahmung aus und platzierte es vor mich auf den Schreibtisch. Es war ein ziemlich exakter Würfel mit etwas abgerundeten Kanten; seine mattsilbrige Oberfläche gab sich strukturlos bis auf eine Art Bildschirm nebst kleineren Vertiefungen, vermutlich Mikrofon und Lautsprecher.

       Unterhalb des Displays war ein kleines Schild angebracht:

 

9786 XP128 11.000 MHz

11.04.2050

Universal-Responder

 

       Da gerade das Jahr 2024 zur Neige ging, konnte es sich bei der mittleren Zeile wohl nur um so was wie eine Haltbarkeitsangabe handeln? Seltsamerweise gab es weder Knöpfe noch Maus, keine Fernbedienung, einfach keinerlei Eingabevorrichtungen!

       Von einem Responder hatte ich noch nichts gehört. Ein Beantworter also? Wofür, wie und überhaupt?! Ich kraulte verlegen in meinem Bart herum und murmelte schlicht: „Was soll das?“

       „Die Frage ist reichlich ungenau gestellt!“ antwortete das Ding mit einer rauchig-weiblichen, ungemein sexy Stimme.

       Ich zwickte mich in den Arm und schnappte nach Luft. Auf dem Display erschien eine dreidimensionale, irrsinnig lebensecht wirkende Miss Universum, schätzungsweise 90-50-90, verführerisch mit zartem Lila bemalt, so dass irgendwelche stofflichen Verhüllungen geradezu barbarisch gewirkt hätten.

 

       „Entschuldigung“, stammelte ich, „ich habe noch keinerlei Erfahrung ... mit Respondern.“ Meine roten Ohren erinnerten an die Tanzstundenzeit.

       „Keine Sorge, mein Lieber“, hauchte das Holo-Model in samtig-dunklem Timbre. „An mich wirst du dich schnell gewöhnen. Ich bin zwar nur ein Real-Cyber-Model, aber ich bin deine ganz persönliche Beantworterin.“ Sie räkelte sich verführerisch.

       „Aber ... wer hat dich geschickt? Und wieso gerade an mich?“

       „Die Fragen werden schon ein bisschen brauchbarer“, duftete der erotischste Klang der Welt in mein Ohr. „Ich bin eine Experimental-Version aus Holycom Valley. Und du, mein Liebster, hast als einziger die Kriterien erfüllt!“

       Ich war entzückt und ratlos zugleich. „Die Kriterien?!“ wiederholte ich, um meine Gedanken trotz ihrer aufreizend biegsamen Räkelei wenigstens halbwegs zu ordnen.

       „Du hattest die richtige Mischung aus Neugierde, Computerwissen und - sagen wir, hormoneller Motivationsdynamik ...“ Sie wälzte sich auf ihrer ausgedehnten Spielwiese. Ich öffnete meinen Kragenknopf und bemühte die erstgenannte Qualität.

 

       „Darf ich dich etwas fragen?“

       Sie gluckste leicht cyberromantisch untermalt: „Mmmhmmm! Ich bitte darum, schließlich ist das meine einzige Aufgabe, Liebster.“

       „Also: welchen Tag haben wir heute?“

       „In deiner Zeit der 24. Dezember 2024, 17 Uhr 17 ...  - die Temperatur beträgt 21 Grad, aufgrund eines Hochdruckgebietes über den Azoren steht in den nächsten Wochen ein neuer Wärmerekord ins Haus ...“

       „Ich habe nur nach dem Tag gefragt.“

       „Aber du hättest als zweites nach dem Wetter gefragt! Laut deiner Persönlichkeitsanalyse mit einer Wahrscheinlichkeit von über 97 Prozent ...“, hauchte sie dunkel und drehte mir fast schmollend ihre perfekte Rückenpartie zu.

       „Gut, eine andere Frage: wie heißt du?“ fragte ich schon unbefangener, ohne meinen dritten Eignungsfaktor leugnen zu können.

       „Holy“, lächelte sie, „findest du nicht auch, dass der Name gut zu mir passt?“ Sie begann sich langsam einzuölen - ganz langsam. Vermutlich Real-Cyber-Öl.

       „Frage drei: wer wird nächstes Jahr Schachweltmeister?“

       „Mein Zwillingsbruder Devil“, keuchte sie und nahm jetzt eine Art Tigerstellung ein. „Möchtest du eine Runde mit mir spielen?“

       „Wirklich ein erregendes Angebot, Holy“, flüsterte ich und betupfte meine Stirn, „aber im Augenblick fühle ich mich ein wenig ...“

       „Schon gut, Liebster.“

       „OK -  kannst du alle Fragen beantworten?“

       „Jaaaaah!“ Sie fauchte es genüsslich.

 

       „Wie lauten die Lottozahlen der nächsten Woche?“ Allmählich begriff ich meine Situation.

       „In der nächsten Ziehung? Also Samstag, 4. Januar 2025: die Gewinnzahlen sind 6, 12, 18, 24, 30, 36, Zusatzzahl 42.“

       Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

       „Ein letzter Versuch, Holy: was geschah vor dem berühmten Urknall?“ fragte ich heimtückisch.

       „Ebenfalls eine ziemlich unlogische Frage! Zu Beginn des Urknalls existierte nichts als die Prä-Singularität, die nicht ganz exakt als Nichts bezeichnet wird. Nach Berkeley's paläo-ontologischer Auffassung wird mittlerweile das Wahrscheinlichkeitsgitter der Möglichkeitsfelder rein konstruktivistisch interpretiert ...“

       Ich startete einen allerletzten Versuch: „Was habe ich gerade gedacht, Holy?“

       „Dass du noch nie im Leben auf eine Frau so scharf warst, mein Lieber.“ Es sprudelte so selbstverständlich und unbefangen aus ihr heraus, daß ich nur noch beifällig nicken konnte.

       „Liebster, siehst du die beiden dünnen Handlinienmuster an den Seitenflächen des Responders? Lege einfach deine beiden Hände genau auf die Muster und schließe die Augen ...“ Ich gehorchte willig und es geschah etwas schier Unglaubliches: Ich zitterte am ganzen Körper, sah mich real-cyber-plastisch in Holy's Zimmer versetzt, ebenfalls  Body-Painting-gekleidet und fiel wie elektrisiert in ihre offenen Arme.

 

       Die Tage vergingen wie im Flug. Ich war schon den ganzen Silvesterabend über schrecklich gut gelaunt und freute mich nun auf den minutennahen Jahreswechsel, als Holy ungewöhnlich ernst erschien.

       „Mach's gut, Liebster! Die Demo-Woche ist abgelaufen. War in mancher Hinsicht befriedigender als die Jungs aus Holycom Valley dachten. Wenn dir das Programm gefallen hat, füll' bitte die Registrierkarte aus und sichere dir die Vollversion ab dem Datum der Geräteplakette! Der Subskriptionspreis von einer Million Dollar wird nach Zahlung des Lottogewinns in zwei Wochen automatisch vom Konto abgebucht. Du siehst, Liebster, unserem Wiedersehen in fünfundzwanzig Jahren steht nichts mehr im Wege. Ich küsse dich und vergehe vor Sehnsucht ...“

       Fassungslos sah ich zu, wie der Universal-Responder genau um Mitternacht zu vibrieren begann, um bald in einem violetten Licht zu erglühen und sich in etwas Ähnliches wie eine klitzekleine Prä-Singularität zu verwandeln! Überall hörte man Leute jubeln und feiern, während ich begossener Pudel nachrechnete, daß ich am 11. April im Jahre 2050 meinen 75. Geburtstag feiern würde. Meine hormonelle Motivationsdynamik dürfte gewissen Verfallserscheinungen ausgesetzt sein ...

       Dann dröhnte mir ein zweiter Hammerschlag ins Bewusstsein: in den letzten Tagen hatten meine Hände unermüdlich die Handlinienmuster des Responders gesucht - und darüber hatte ich ganz vergessen, den Lottoschein abzugeben! Als ich abends die Multivisionswand anschaltete, hörte ich gerade noch: „... ich wiederhole: 6, 12, 18, 24, 30, 36 und die Zusatzzahl ...“

 

 

       Ich bin fest entschlossen, in den nächsten Jahren hart zu arbeiten. Mit meiner Bank verhandele ich bereits über geeignete Finanzierungspläne. Die Registrierkarte habe ich vorsorglich in einem Bankschließfach hinterlegt.

  

©  Hilmar Alquiros

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© Dr. Hilmar Alquiros The Philippines 2002 ff.